Konstruktive Ruhelage der Alexander-Technik.

Interview: Alexander-Technik für Reiter

Wenn wir aufhören, das Falsche zu tun, geschieht das Richtige von selbst.(Frederick Matthias Alexander)

Dieses Zitat ist mir von meinem Besuch des Workshops „Alexander-Technik für Reiter“ ganz besonders in Erinnerung geblieben. Auch wenn es sich bei der Alexander-Technik um eine Methode „zur nachhaltigen Veränderung von Haltungs- und Bewegungsgewohnheiten“ handelt, finde ich, dass dieser Satz von dem Begründer der Methode auch in vielen anderen Lebenssituationen seine Berechtigung findet.

Ich hatte mich völlig unvoreingenommen und erwartungsfrei zu dem Workshop angemeldet. Im schlimmsten Fall landest Du bei irgendeiner Hardcore-Esotheriktante und verbringst drei Stunden „ohmmend“ auf der Isomatte und im besten Fall nimmst Du etwas für dich, deinen Körper, dein Pferd und das Reiten mit, dachte ich mir. Glücklicherweise ist letzteres eingetreten! Auch wenn die drei Stunden Workshop uns fünf Teilnehmerinnen sicherlich nur einen sehr kurzen Einblick in die Alexander-Technik geben konnten, habe ich die Zeit als sehr inspirierend empfunden und für mich war es ein großer Schritt in Richtung:

  • eigene Körperwahrnehmung verbessern
  • Gelassenheit üben
  • Nichts-Tun zulassen

Den Workshop hat Barbara Blickensdorff gegeben. Barbara ist zertifizierte Alexander-Lehrerin und gibt unter anderem im Berliner Zentrum für Alexander-Technik Einzel- und Gruppenunterricht. Sie ist selbst Pferdebesitzerin und gibt ihre Erfahrungen mit der Alexander-Technik in speziellen Workshops für Reiter weiter. Anstatt nun von meinen Erfahrungen zu schreiben, die eh schwer in Worte zu fassen wären, habe ich Barbara um ein kleines Interview gebeten.

 

Liebe Barbara, zunächst möchte ich Dir danken, dass Du Dir die Zeit für dieses Interview nimmst. Kannst Du meinen Lesern erklären, worum es bei der Alexander-Technik geht?

Der Dank ist auf meiner Seite. Den Workshop mit Euch habe ich sehr genossen.

Was die Alexander-Technik ist, hast Du ja vorhin schon perfekt formuliert. Alexander-Technik verändert das Körperbewusstsein und die Denkgewohnheiten. Es geht nicht um Haltung. Wir werden in die Lage versetzt, selbst zu bestimmen, was vorher automatisch oder reflexartig ablief. Das heißt, wir bekommen das Geschenk, uns fühlen und beobachten und dadurch unser Tun und Denken selbstverantwortlich steuern zu können. Dabei erkennen wir ziemlich schnell, dass wir normalerweise viel zu viel tun. Wenn wir zum Beispiel eine Aufgabe erfüllen wollen, legen wir meist auf die gewohnheitsmäßig vorhandene Anspannung noch eine weitere Anstrengung drauf. Durch diese zusätzliche Anspannung glauben wir uns zu korrigieren und bemerken dann kurze Zeit später, dass wir doch wieder in der alten Gewohnheit gelandet sind.

 

Ja, bei mir ist es zum Beispiel so, dass mir immer wieder gesagt wurde, dass ich die Schultern nicht so nach oben ziehen soll. Ich habe dann versucht sie aktiv nach unten zu ziehen, was noch mehr Anspannung verursacht hat.

Genau, meiner Erfahrung nach erleben Reitschüler einen solchen Vorgang oft auch im Unterricht: Dann, wenn die ReitlehrerInnen in jeder Stunde mehr oder weniger das Gleiche sagt.

…Und wenn wir uns dagegen betrachten, wie leicht und gelöst kleine Kinder reiten, wird der Unterschied klar. Klar ist auch, dass wir selber ja alle mal diese kleinen Kinder waren. Es stellt sich also die Frage: Was ist inzwischen mit uns passiert?

Mit Hilfe der Alexander-Technik lernen wir „zurück“. Wir lernen, im Verlauf des Lebens angelernte Anspannungen, wiederwegzulassen. Damit kommen wir unserem Kern, unserem eigenen Wesen näher und lernen gleichzeitig auch, andere Menschen und andere Wesen (eingeschlossen: unsere Pferde) klarer wahrzunehmen.

 

Wer ist denn auf diese kluge Idee gekommen, auf diese Art und Weise an Verhaltensmuster ranzugehen?

Der Begründer der Technik hieß Frederick Matthias Alexander (1869-1955). Er war gebürtiger Australier, der 1904 nach London ging und dort und in New York und Boston entwickelte, was nach seinem Tod „Die Alexander-Technik“ genannt wurde.

Sein Vater war Hufschmied für hochklassige Rennpferde. Alexander begleitete ihn als Junge oft und beobachtete genau die Arbeit am Ausgleich von Gang-Ungenauigkeiten. Später wurde Alexander erfolgreicher Schauspieler und als seine Karriere durch Stimmprobleme gefährdet schien, begann er sich selbst mit Hilfe von Spiegeln bei seinen Proben zu beobachten. Dabei fand er heraus, dass er seine Probleme selber erschuf, indem er unnötige Anspannungen in seine Arbeit legte. Stück für Stück entdeckte er, wie er diese Anspannungen weg lassen konnte. Seine Stimmprobleme verloren sich allmählich und seine Schauspielkarriere ging weiter, insbesondere wegen seiner guten Stimme. Kollegen und andere Menschen mit ähnlichen Problemen wollten nun von ihm lernen. So entstand allmählich die „Alexander-Technik“ und Alexander wurde entgegen seines ursprünglichen Plans, Schauspieler zu sein, ein gesuchter Lehrer und später auch Ausbilder. Seine Methode hat er in vier Büchern beschrieben.

Arbeit mit einer Schülerin

Barbara bei eder Arbeit mit einer Schülerin. Foto: B. Blickensdorff (privat)

Du hast selber eine Mecklenburger Warmblut Stute und bietest Alexander-Workshops für Reiter an. Wie kann man sich einen solchen Workshop vorstellen?

Das hängt immer ein wenig davon ab, was die Teilnehmer sich wünschen. Der Einstieg ist eigentlich immer, dass wir eine Zeit lang am Boden und ohne Pferd an uns selbst arbeiten. Meiner Meinung nach ist die Voraussetzung für ein entspanntes und gymnastizierendes, sinnvolles Reiten, dass die ReiterInnen sich selber spüren und sich sensibel steuern können. Alles andere leitet sich daraus ab.

Also beginnen wir damit, uns wahrnehmen zu lernen und zu lernen, uns zu beobachten, statt uns zu korrigieren….. Was man da genau tut – oder eben Nicht-Tut, und wie das in ein neues Denken mündet, ist dann das Handwerkszeug der Alexander-Technik.

Durch welche Tür wir die Alexander-Technik für uns öffnen, bestimmt – wie gesagt – das Interesse der TeilnehmerInnen. Bei Euch hatten wir das Thema „Schultern“ und „Balance“, weil es da akuten Bedarf gab. Andere Gruppen wollen sich mit dem „Sitz“ beschäftigen, wieder andere finden das Thema „Füße und Gehen“ interessant.

Wenn genug Zeit zur Verfügung steht, können wir dann noch individuell am Pferd arbeiten, auch Bodenarbeit. Gerade da kann man durch den Körpersprache-Dialog mit dem Pferd viel über sich selbst lernen.

 

In unserem Workshop gab es eine Teilnehmerin, der von ihrem Reitlehrer gesagt wird, dass sie schief auf ihrem Pferd sitzt. Sie kann das aber nicht erspüren und hat sich deswegen von dem Workshop-Besuch erhofft, diese Schiefe in Zukunft besser erspüren zu können.

Nun hatten wir nur drei Stunden Zeit – – generell kann ich dazu sagen, dass die immer gleichen ständigen gewohnheitsmäßigen Anspannungen bewirken, dass unser Nervensystem die Information darüber wegschaltet. Das ist vergleichbar mit dem Geruchssinn: Den immer gleichen Geruch riecht man nicht mehr. Erst wenn mal frische Luft dazwischenkommt, wacht der Geruchssinn wieder auf.

Mit der Alexander-Arbeit unterbrechen wir den gewohnten, ständigen und deshalb nicht mehr wahrgenommenen Anspannungszustand (frische Luft) und werden dadurch in die Lage versetzt, überhaupt wieder die zur Gewohnheit gewordenen Anspannungen wahrzunehmen. Mit dem Wahrnehmen kann man dann auch Unnötiges relativ leicht weglassen.

Die Teilnehmerin von der Du sprachst, hat mir nachher gesagt, dass sie nach dem Workshop ohne Bügel geritten ist und ihr neues Gefühl für Balance genossen hat.

 

Gibt es noch andere „Probleme“, die speziell für Reiter eine Rolle spielen?

Ja, ein zentrales Thema ist das „Erlauben-dass-die-Dinge-geschehen-dürfen“, also das „Nichts-Tun“.

Im Reitunterricht bekommt man normalerweise ständig Anweisungen, die umgesetzt werden sollen. Das führt oft zu einer sich allmählich vergrößernden Anspannung der Reiterin und als Folge davon auch des Pferdes. Dabei würde ein normales Pferd, dass von einer entspannten Reiterin erst einmal in Ruhe gelassen würde wahrscheinlich spontan einfach vorwärts gehen – – und das Reiten wäre keine Anstrengung – sondern eine Kunst – wie Nuno Oliveira sagt: „… eine Verständigung mit dem Pferd auf höherer Ebene, ein Dialog, der von Höflichkeit und Feinheit geprägt ist“.

Mecklenburger Warmblut Stute

Foto: B. Blickendorff (privat)

Gab es für Dich ein spezielles Erlebnis mit Deinem eigenen Pferd, von dem Du glaubst, dass Dir die Alexander-Technik weitergeholfen hat? Glaubst Du, dass die Alexander-Technik Dich und Deine Beziehung zu Deinem Pferd verändert hat?

Das ist eine gute Frage. Es wäre natürlich toll, etwas Spektakuläres erzählen zu können. Aber von außen betrachtet ist die Alexander-Technik so unspektakulär, obwohl die Veränderungen, die man für sich selbst und auch am Pferd wahrnimmt alles andere als unspektakulär sind.

Am beeindruckendsten war für mich vielleicht die erste Reitstunde, nachdem ich die Alexander-Technik-Ausbildung begonnen hatte und absichtlich eine ganze Zeit mit dem Reiten pausiert hatte, um nicht immer wieder in meine alten Muster zu fallen. Bevor ich die Alexander-Technik kannte, kam ich über bestimmte Grenzen nie hinaus. Das größte Problem waren meine nach vorne hängenden Schultern. Als ich dann wieder anfing, hatte ich beim Reiten ein ganz anderes, neues Gefühl für mich selbst und auch für das Pferd. Dazu kam, dass ich plötzlich besser verstand, was die Reitlehrerin sagte und es auch problemlos, wie von selbst, alles umsetzen konnte. Darüber war ich damals platt. Heute bin ich dankbar, dass ich genug spüre, um immer wieder von meinem Pferd lernen zu können.

 

Wenn ich jetzt als Leser Lust bekommen habe, auch mal die Alexander-Technik kennen zu lernen.: Wie und wo kann man diese Technik lernen? Braucht man spezielles Equipment? Wie lange benötigt man um die Methode zu beherrschen?

In Deutschland gibt es etwa 400 Alexander-LehrerInnen, die mehr oder weniger über das ganze Land verstreut leben. Unser Berufsverband hat auf seiner Webseite ein Lehrerverzeichnis, in dem man über die Eingabe der Postleitzahl sehen kann, wer in der Nähe unterrichtet.

Alle zertifizierten Alexander-LehrerInnen haben eine dreijährige tägliche Ausbildung durchlaufen und sind in der Regel entsprechend qualifiziert. Alexander-Technik wird traditionell in Einzelstunden unterrichtet. Workshops und Kurse sind aber ebenso möglich und gut.

Um die Alexander-Technik zu praktizieren braucht man nichts als klares Denken, bequeme Alltagskleidung und eventuell – für die “Konstruktive Ruhelage“ (Titelfoto) – ein oder zwei Bücher, um sie unter den Kopf zu legen.

Nach etwa 30 Einzelstunden hat man im Durchschnitt die Technik integriert. Ich habe aber auch Schüler, die schon seit sieben Jahren kommen oder andere, die nach 10 Stunden alleine weiter machen oder auch später wieder einsteigen. Je mehr man sich mit der Technik beschäftigt, umso feiner, genauer und faszinierender wird sie.

Liebe Barbara, vielen herzlichen Dank für dieses Interview. Ich hoffe sehr, dass wir uns in naher Zukunft wieder sehen und dann vielleicht sogar einen Workshop zusammen mit den Pferden veranstalten können!


Hast Du Fragen zur Alexander-Technik oder schon selbst Erfahrungen damit gemacht? Dann hinterlasse mir einen Kommentar.

Linktipp: Bei Hobbyranch gibt es Infos zu Feldenkrais für Pferde und bei Frau Rossi gibt es auch einen Artikel zum Thema: Besser bewegt durch Körperarbeit beim Reiten

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5 Kommentare

  1. Da ist sie, die Alexandertechnik 🙂 Sehr spannend, danke für den Artikel und das Interview. Der Sitz und die Haltung sind so wichtig, insofern hast du absolut Recht, dass es auch wichtig ist das alles ohne und mit Pferd zu üben und zu üben und zu üben. Hast Du denn bei deiner nächsten Pferderunde eine Veränderung bemerkt? Liebe Grüße, Petra

    • Hallo Petra,

      bitte entschuldige meine späte Antwort. Ich habe gleich zwei Seminare besucht dieses Wochenende, in denen es natürlich auch wieder um den Sitz ging…ist ja schließlich die primäre Hilfe 🙂 Das erste Mal mit meinem Pferd in der Halle nach dem Alexandertechnik-Seminar war sehr sehr gut. Da war sogar mein Trainer begeistert. Ob das jetzt genau damit zu tun hatte, weiß ich natürlich nicht. 😉 Für den Alltag konnte ich viel mitnehmen: beispielsweise bei der Schreibtischarbeit sich einfach mal darauf besinnen, wie ich sitze, ob meine Schulter hochgezogen ist etc.

      Liebe Grüße, Saskia

  2. Liebe Saskia,

    danke für den tollen Artikel. Ich hab mich gleich an ein paar Stellen wiederfinden können. Faszinierende Technik!

    Wie war dein Gefühl am Ende des Kurses? Was hast du für eine Veränderung gespürt?

    Ich habe immer wieder Probleme mit Verspannungen, da hört sich das total interessant an!

    lg Claudia

    • Hallo Claudia,

      wow, schon gelesen? 🙂 Zunächst konnte ich gar nicht so viel bewusst damit anfangen. An dem Nachmittag war ich ja dann noch mit Wingardio draußen und dabei unter anderem in seinem bis dahin verhassten Wasser baden. Ob das etwas damit zu tun hatte…keine Ahnung. 🙂

      Zwei Tage nach dem Seminar hat mein Ganglion/Überbein in meinem rechten Handgelenk angefangen, höllisch weh zu tun. Ich habe das schon seit einem Jahr und mich inzwischen mit der Unbeweglichkeit arrangiert, da ich eigentlich keine Schmerzen habe. Nur beim Klettern stört es. In der Woche ging es aber so weit, dass ich meine Hand kaum noch anwinkeln konnte. Ich habe dann mit Barbara darüber gesprochen und sie meinte, dass es sehr gut sein könnte, dass wir etwas in Gang gesetzt haben. Wir haben relativ viel uns mit der Schulter beschäftigt. Ich war dann noch bei meinem Handspezialisten und auch der Mediziner fand, dass das überhaupt nicht unabwegig sei. Die Schmerzen sind jetzt komplett weg und das Handgelenk so beweglich wie nie. Ich bin nicht sehr esoterisch angehaucht 😉 aber das Erlebnis war schon irgendwie krass.

      Außerdem spüre ich viel mehr im Alltag, ob ich unnötig die Schultern hochziehe oder wie ich laufe. Derzeit reite ich lieber ohne Steigbügel und gewöhne Wingardio ans ohne Sattel reiten, damit ich auch da mehr spüren kann.

      Also ich fand es super und ich bin froh, dass ich Barbara kennen lernen durfte, die ein ganz wunderbarer in sich ruhender Mensch ist. Liebe Grüße, Saskia

      • Liebe Saskia,

        ja sofort! Ich hatte im letzten Jahr starke Rückenprobleme, da wird man sehr sensibel bei solchen Themen und neugierig!

        Das klingt wirklich gut! Freut mich, dass es dir so geholfen hat. Klingt wirklich spannend!

        Ja, die Schultern ziehe ich auch gerne hoch. Faszinierend, dass die Technik bereits nach so kurzer Zeit so gut funktioniert. Das muss ich unbedingt probieren!

        Das glaube ich dir gerne!

        lg Claudia