Trainertag 2015 auf dem Camargue-Pferde-Hof in Wesendahl.

3 Trainer – 3 Reitweisen – 1 Motto: Von der Losgelassenheit zur Versammlung

„Mir hat der letzte Trainertag die Augen geöffnet“, erzählte mir eine Teilnehmerin des ersten Trainertags 2014 auf dem Camargue-Pferde-Hof in Wesendahl. „Ich hatte selten so viele Aha-Erlebnisse“, fügte sie hinzu. Nach so viel Begeisterung konnte ich gar nicht anders und meldete mich für den Trainertag 2015 an.

 

Trainertag – was ist das?

Trainertag-PosterDas Team vom Camargue-Pferde-Hof möchte mit dem Trainertag eine Plattform schaffen, die einen harmonischen und reitweisenoffenen Austausch zum Wohle unserer Pferde bietet. Dazu werden Pferdeexperten mit unterschiedlichen fachlichen Hintergründen eingeladen, die ein bestimmtes Thema aus verschiedenen Sichtweisen und mit unterschiedlichen Ansätzen einander ergänzend diskutieren und in Form von Unterricht praktisch darstellen.

An diesem Juni-Sonntag war das Motto des Tages „Von der Losgelassenheit zur Versammlung“ und die Trainerrunde bestand aus:

 

„Nur mit einer guten Beziehung zu unserem Pferd und gegenseitigem Vertrauen, werden wir mentale und körperliche Losgelassenheit erreichen.“

Gestartet wurde mit Vorträgen, in denen jeder Trainer sein Konzept von Losgelassenheit und den Weg dorthin präsentierte und mit den anderen Trainern und Zuschauern diskutierte.

In einem Punkt waren sich alle Trainer einig. Es gibt verschiedenen Arten von Losgelassenheit: die mental-emotionale und die körperliche Losgelassenheit. Wir sollten immer erst dafür sorgen, dass unsere Pferde mental losgelassen sind. Denn ohne dieses Fundament werden wir niemals eine 100-prozentige körperliche Losgelassenheit erfahren.

 

Losgelassenheit aus der Sicht eines Pferdeosteopathen

Holzpferd zu Demonstrationszwecken

Holzpferd zu Demonstrationszwecken Foto: Saskia Blank / Pferdespiegel.com (CC BY-SA 3.0 DE)

„Damit ein Pferd losgelassen ist, muss der lange Rückenmuskel entspannen (körperlich Losgelassenheit), dafür wiederrum muss das Pferd von seinem Fluchtgedanken loskommen (mentale Losgelassenheit).“

Dieses Zitat stammt von Ralf Döringshoff, dessen Vortrag stark von fachlichem Wissen über den Pferdekörper geprägt war. Er verstand es auf sehr eindrückliche Weise, den Seminarteilnehmern sein Fachwissen anhand von Pferdeholzmodellen einfach verständlich zu vermitteln.

„Wir brauchen einen harmonischen Körperbau für die physische Losgelassenheit.“ (Ralf Döringshoff)

Mir war bis dahin noch nicht wirklich bewusst, dass das Pferd um körperlich losgelassen zu sein, nicht nur seine Muskeln entspannen muss, sondern auch ein harmonischer Körperbau enorm wichtig ist. Eigentlich völlig plausibel: Ein junges Pferd, das noch wächst, befindet sich immer wieder in Phasen, in denen es überbaut ist; also die Kruppe höher als der Wiederrist ist. In dieser Wachstumsphase kann das Pferd keine 100-prozentige körperliche Losgelassenheit erreichen, da es aufgrund seiner Statik Schwierigkeiten hat, unter den Schwerpunkt zu treten und sich auszubalancieren.

Im Weiteren ging Ralf Döringshoff darauf ein, wie der Reiter dem Pferd zur Losgelassenheit helfen kann. Im Wesentlichen sprach er folgende drei Punkte an:

  1. Der Reiter braucht einen entspannten, ausbalancierten, zügelunabhängigen Sitz.
  2. Der Reiter muss seine Hilfen in der richtigen Dosis, zur richtigen Zeit, an der richtigen Stelle geben.
  3. Der Reiter sollte den Schritt für die physische Losgelassenheit nutzen.

Übrigens sind Taktverschiebungen ein sehr offensichtliches Zeichen dafür, dass das Pferd nicht losgelassen ist.

 

Losgelassenheit und Zirzensik

Als zweites kam Uwe Jourdain auf die Bühne, der Zirkuslektionen nicht nur als Abwechslungsprogramm in der Pferdeausbildung sieht, sondern vor allem auch als gymnastische Übungen, die spielerisch vermittelt werden können. Schließlich gehören diese Lektionen zum natürlichen Bewegungsablauf der Pferde.
Wichtig ist es ihm, seinen Kursteilnehmern zu vermitteln, wie diese Lektionen im gesundheitlichen Sinne richtig ausgeführt werden und so beispielsweise auch alten Pferden zu mehr Vitalität verhelfen. Auch hier stand das Thema der mentalen Losgelassenheit im Vordergrund. So muss ein Pferd seinem Menschen großes Vertrauen entgegen bringen, wenn es sich beispielsweise hinlegt, oder wie im Plié seinen Fluchtinstinkt aufgibt bzw. die Verantwortung in dessen Hand legt.

 

Losgelassenheit aus der Sicht eines Akademischen Horseman

Als nächstes sollte sich Jossy Reynvoet mit in die Diskussion einbringen, der sich allerdings selber gar nicht entspannt und losgelassen fühlte. Warum? Seine Muttersprache ist nicht Deutsch. Er hatte also Schwierigkeiten uns zu verstehen. Hinzu kam sein Gefühl, dass wir nun etwas (großartiges?) von ihm und seiner Präsentation erwarten würden. Er fühlte sich also, wie sich so manches Pferd fühlen mag, dessen Sprache wir auch nicht sprechen, von dem wir aber erwarten, dass es uns versteht.

„Pferde leben zu 100 Prozent im Jetzt“

Da neben der Akademischen Reitkunst vor allem ‚Horsemanship‘ bei Jossy Reynvoets Arbeit im Vordergrund steht, ging es in seinem Vortrag viel um die mentale Losgelassenheit. Die Atmosphäre und damit auch die mentale Losgelassenheit von Pferd und Reiter wird seiner Meinung nach maßgeblich von vier Elementen beeinflusst:

  • Der Umgebung
  • Dem mentalen Zustand des Pferdes (Wie geht es dem Pferd?)
  • Dem mentalen Zustand des Menschen (Wie geht es dem Reiter?)
  • Dem mentalen Zustand des Lehrers (Wie geht es dem Lehrer?)

Um zu verdeutlichen, wie sich Pferde in Gegenwart eines Menschen oft fühlen, führte er eine Teilnehmerin auf verschiedene Art und Weise durch den Raum: mal mit physischen Druck durch die Hände oder Anstarren, mal mit leichter aber klarer Führung. Er wollte uns dadurch verdeutlichen, dass wir im Zusammensein mit unseren Pferden zwar konsequent sein und die Führung übernehmen sollten, aber auf eine für die Pferde angenehme Art und Weise ohne physischen oder mentalen Druck.

„Folge der Bewegung Deines Pferdes“

Um dem Pferd beim Reiten zur körperlichen Losgelassenheit zu verhelfen, ist es wichtig, dass wir seiner Bewegung folgen, also die Rotation der Wirbelsäule bis in unsere Hand hinein spüren, dabei das Pferd nicht stören und so die Durchlässigkeit fördern. Sicherlich leichter gesagt als getan.

 

3 Trainer mit 3 Pferd-Mensch-Schülerpaaren

Nach der Mittagspause ging es dann auf den Reitplatz, wo jeweils ein Trainer einem Pferd-Menschen-Paar eine Unterrichtseinheit gab. Anschließend konnten sich die anderen Trainer mit ihrer Meinung einbringen. So unterschiedlich die Trainer waren, so unterschiedlich waren auch die verschiedenen Herangehensweisen an den Unterricht.

Rald Döringhoff beim Trainertag.

Ralf Döringshoff bei seiner Trainingseinheit. Foto: Annika Heeck

Zu Beginn ging es allen drei Trainern darum, eine gewisse Stufe mentaler Losgelassenheit des Pferdes und des Reiters zu erreichen. So fragte Ralf Döringshoff seine Schülerin zunächst ein paar grundsätzliche Dinge: Ob das ihr Pferd sei. Seit wann sie mit dem Pferd arbeite. Mit welchen Lektionen sie Probleme hätte. Dabei ging es ihm nicht nur um den Inhalt der Antworten, sondern vor allem beobachtete er die Art und Weise der Schilderung, um so den mentalen Zustand der Teilnehmerin und ihre Beziehung zum Pferd zu analysieren. Ich fand diesen Ansatz ziemlich spannend. Ralf Döringshoff berichtete davon, dass er manchmal SchülerInnen hätte, die sich beispielsweise beim Erzählen demonstrativ zwischen ihn und ihr Pferd stellen würden. Vermutlich um ihr Pferd in Schutz zu nehmen. Die Trainingseinheit von Ralf Döringshoff fand ausschließlich im Schritt statt. Nachdem er das Pferd-Mensch-Paar eine Weile beobachtet hatte, forderte er die Schülerin dazu auf Schrittlängenvariationen zu reiten und auch mal in Konterstellung zu reiten. Erstaunlich war für uns Zuschauer zu sehen, dass das Pferd nach einer längeren Zeit nur im Schritt tatsächlich angestrengt war, was sich in einer schwereren Atmung zeigte. Gleichzeitig wurde der Schritt aber auch fleißiger.

Pia Tetzlaff unterstützt Uwe Jourdain bei seiner Trainingseinheit.

Pia Tetzlaff unterstützt Uwe Jourdain bei seiner Trainingseinheit. Foto: Annika Heeck

Uwe Jourdains Trainingseinheit wurde eher zu einem Vortrag über Horsemanship, da das Pferd recht müde schien und kaum zu motivieren war. Er sprach über Körpersprache und wie Pferde untereinander kommunizieren. Da die Themen, die er Ansprach für mich nicht unbekannt waren, muss ich gestehen, dass ich dem Teil nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt habe.

Als letztes gab Jossy Reynvoet einem Pferde-Menschen-Paar Unterricht, das er bei dem Seminar, das die beiden Tage zuvor schon auf dem Carmargue-Pferde-Hof stattgefunden hatte, auch unterrichtet hatte. Auch in seinem Training stand die mentale Losgelassenheit von Reiter und Pferd im Vordergrund. So fragte er die Reiterin zunächst, wie sie sich fühlen würde. Hier wurde dann deutlich, wie der oben genannte erste Punkt „Umgebung“ die Losgelassenheit (in diesem Fall der Reiterin) stark beeinflusste. Im Gegensatz zu den Tagen davor waren heute mehr Zuschauer anwesend und die Reiterin dadurch nervöser. Das Pferd wirkte zwar insgesamt entspannt, aber der Schritt sehr „zackelig“. Deswegen ging es in der Trainingseinheit auch hauptsächlich darum, eine entspannte Stimmung zu schaffen. Jossy Reynvoert begleitet sie viel vom Boden aus und arbeitet an ihrem Sitzgefühl. Am Ende der Trainingseinheit wirkte auch dieses Pferde-Reiter-Gespann losgelassener, was sich in einem taktreineren Schritt äußerte.

 

Mein Fazit

Das Konzept der Veranstaltung gefällt mir sehr gut, da es einen Rahmen für einen konstruktiven Dialog zu einem bestimmten Thema zwischen Trainern und Pferdefreunden bietet und jeder Seite einen Blick über den Tellerrand ermöglicht. Ich glaube, nicht nur die Schüler und Zuschauer, sondern auch die Trainer konnten viele neue Aspekte für ihre Arbeit mit dem Pferd mit nach Hause nehmen.

Für mich persönlich waren vor allem der Vortrag und die Unterrichtseinheit von Ralf Döringshoff sehr aufschlussreich. Ich bin einfach ein Fan von „Wissenschaft“ und dem warum, weshalb, wieso hinter den Dressurlektionen.

Wer den Bericht aufmerksam gelesen hat, wird feststellen, dass das Thema „Versammlung“ gar nicht richtig zur Sprache kam. Ich denke, dafür war auch einfach das reiterliche Level der meisten TeilnehmerInnen und der Ausbildungsstand der Pferde noch nicht ausreichend. Versammlung gehört zumindest in der klassischen Reiterei an das Ende der Ausbildungsskala, aber den wenigsten gelingt es ihr (Freizeit-)Pferd versammelt zu reiten. Zur Gesunderhaltung unserer Pferde sollte das Reiten in Versammlung – und sei es nur zeitweise – unser angestrebtes Ziel sein. Was bei diesem Seminar sehr deutlich wurde: Der Weg dorthin kann sich für jeden sehr unterschiedlich gestalten und alles braucht seine Zeit.

Lieben Dank an Pascale für das Titelfotos: Ralf Döringshoff (2.v.l.), Uwe Jourdain (3.v.l.), Jossy Reynvoet (3. v.r.) (Credit: Jossy Reynvoet) und an Ralf, Uwe und Jossy für die konstruktive vorabendliche Diskussion.


Lesetipp zum Thema Losgelassenheit:

Auf Hippovital haben sich fünf Pferdefreunde und ein Pferd mit dem Thema auseinander gesetzt: Die Losgelassenheit des Pferdes – 6 Gedankengänge von wahren Pferdemenschen

Lesetipp zum Thema Versammlung:

Auf Herzenspferd schreibt Christina alles zum Thema: Versammlung: Was sie ist, wie sie aussehen soll und wie Du sie erreichst! Wie Du die Hinterhand aktivierst, kannst Du auf Kultreiter nachlesen.

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