Foto: Severin Klisch / Klisch Klick

Es hat Click gemacht und nun?

Erinnerst Du Dich an meinen Artikel über den Kurs bei Sady? Wochen oder sogar Monate habe ich damals gebraucht, um den Beitrag fertig zu schreiben. Es fühlte sich innerlich einfach nicht stimmig an und die Sache mit der positiven Verstärkung war irgendwie nicht bei mir angekommen. Irgendwann habe ich dann auf den Veröffentlichungsbutton gedrückt, weil ich mich mit meinen Gedanken und Gesprächen zu dem Thema im Kreis drehte. So wirklich könne diese Sache mit der positiven Verstärkung doch nicht funktionieren, dachte ich mir. Ein schöner rosaroter Gedanke, aber nee, mein unsicheres Pferd bräuchte doch klare Regeln, Konsequenz und Orientierung, dachte ich mir. Auf dem Platz fing er bei der Arbeit an der Hand mit dem Kappzaum an zu schnappen, wenn ich Leckerlies verwendete, also versuchte ich einen Mittelweg aus: Nicht strafen und möglichst viel Bestätigung für mein Pferd inklusive konventionellem Reittraining. Zufrieden war ich dabei nicht. Ich ahnte, dass es das nicht gewesen sein konnte, aber ich ließ mich stark beeinflussen von all dem, was ich woanders sah, las und hörte. Bei einem Chat mit Sady von Motionclick sagte sie mir später mal, dass man als positiver Verstärker oft sehr einsam sei. Wie Recht sie doch hat!

Und dann machte es einfach Click!

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Es gab für mich nicht „den einen Tag“, an dem es Click machte. Es gab nicht „die eine Übung“, bei der ich verstand, was wirklich beim Training mit positiver Verstärkung mit meinem Pferd und mir passierte. Es gab nicht „den einen Artikel“ oder „das eine Buch“, die ich las, die alles veränderten. Aber es gab da dieses innerliche Gefühl, dass die Zeit irgendwann kommen würde. Ich bin eigentlich ein sehr rationaler und analytisch denkender Mensch. Mein Studium hat mich gelehrt, wissenschaftlich zu denken und immer nach dem Warum und Wie zu fragen. Manchmal frage ich mich, warum ich das Thema Lernverhalten nicht schon früher verstanden habe. Natürlich kannte ich die vier Quadranten, aber begriffen hatte ich es irgendwie nicht. Es gab da diesen einen Spaziergang, an dem ich mein Pferd von der Sommerkoppel holte und wir vermutlich eine Stunde brauchten, um in den Wald zu gelangen, weil ich ihn auf dem einen Kilometer weiten Weg jeden Schritt frei entscheiden ließ. An dem ich minutenlang einfach da stand und ihn versuchte zu ermuntern (damals hatte ich noch nicht verstanden, was Motivation für ein Pferd bedeuten kann) mich weiter zu begleiten. An dem ich beseelt zurückkam, weil ich wirklich das Gefühl hatte, dass wir partnerschaftlich die Umgebung erkundet hatten. Lange zehrte ich nicht davon und verfiel schnell wieder in meine alten Muster. Ich musste lernen, dass (Verhaltens)training mit positiver Verstärkung zunächst erstmal so aussieht, als würde es eeeewig dauern, bis das Pferd etwas lernt, jedenfalls verglichen zu meinem bisherigen konventionellen Training. Ich musste lernen, dass ich noch viel kleinschrittiger denken musste. Und ich durfte von meinem wunderbaren Pferd lernen, dass er alles gibt, um mich zu verstehen. Vor ein paar Monaten stand ich noch frustriert mit meiner Hand an seiner Hinterhand und dachte mir, dass er zu blöd ist, dass Handtarget zu lernen. (Im Nachinein weiß ich, dass ich es nicht kleinschrittig genug aufgebaut hatte). Jetzt hebe ich meinen Arm mit der Gerte, er bewegt die Hüfte und ich verstehe, dass er zwar noch nicht gelernt hat, sich auf das Target (meine Gerte) hin zu bewegen, sondern meine Körpersprache (den Arm zu heben) das Signal überschattet. Diesen „Trainingsfehler“ zu erkennen, war für mich unglaublich lehrreich, weil es mir die Bandbreite des Themas „Lernverhalten“ aufzeigt, die Möglichkeiten, aber auch Herausforderungen, auf die man stößt.

Wissenschaft vs. Gefühl

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Oft fühle ich mich auf meinem Weg alleine. Wir werden komisch angeguckt. Verglichen mit anderen können wir nicht das zeigen, was andere schon längst können und ich muss mir immer wieder vor Augen halten, dass ich jeden kleinen Schritt, den ich trainiere, irgendwann wesentlich beständiger abrufen kann, als wenn ich das Verhalten mit negativer Verstärkung trainiert hätte. Und geht es nicht trotz aller wissenschaftlichen Theorien, um das Gefühl, was wir im Zusammensein mit unserem Pferd haben? Die Zeit, die wir vermeintlich länger brauchen, ist es mir für das wesentlich stressfreieres Training (auch ein Thema, auf das ich inzwischen sehr viel Wert lege und ich erschrocken bin darüber, wie viel Stress Wingardio doch oft hat…siehe das beschriebene Schnappen) definitiv wert. Letztendlich wollen wir doch „einfach nur“ eine schöne Zeit mit unserem Pferd verbringen, oder?!

Seitdem es Click gemacht hat, sitze ich aber auch oft hilflos da, wenn andere Pferdemenschen von ihren Pferden, Pferdeverhalten und ihrem Training berichten. Ich möchte aufspringen und ihnen erklären, dass ein Pferd uns nicht „respektieren“ kann, da es dieses Label aus Pferdesicht nicht gibt, dass die Dominanztheorie völlig überholt ist und das Sicherheit kein Verstärker ist, sondern sich mein Pferd bei mir sicher fühlt, wenn die Konsequenzen vorhersehbar sind. Dass jedes Verhalten, das unser Pferd zeigt, ein gelerntes Verhalten ist und wir diejenigen sind, die darüber entscheiden, ob es dieses Verhalten über positive oder negative Verstärkung oder Strafe lernen. Aber wäre diese Rekation von mir nicht überheblich und erhaben? Wie könnte ich es mir anmaßen, missionierend durch die (virtuellen) Lande zu ziehen? Gerade, wo ich selbst so lange für meine persönliche Erkenntnis gebraucht habe. Ich bleibe dabei, dass jeder seinen Weg selbst finden sollte und ein Weg über negative Verstärkung und positive Strafe nichts Schlechtes ist. Er ist nur nicht (mehr) mein Weg. Ich würde mir nur wünschen, dass mehr Menschen verstehen würden, WIE Pferde lernen.

Foto: Severin Klisch / KlischKlick

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1 Kommentar

  1. Ilka

    Liebe Saskia,
    vielen Dank für den tollen Artikel!
    Ich versuche mich auch seit einiger Zeit mit diesem Thema auseinderzusetzen und die Betonung liegt hierbei auf “versuche“. Ich habe schon Webinare bei Sady mitgemacht, die ich wahnsinnig interessant finde, aber empfinde die praktische Umsetzung dann wiederum als sehr schwierig. Ich erwische mich ständig dabei, wie ich wieder Druck aufbaue, wenn es mal wieder nicht so klappt wie ich es mir wünsche, weiß aber in dem Moment mir nicht anders zu helfen, was mich dann wiederum sehr ärgert. Betrachte ich das Ganze dann Stunden später mit genügend Abstand und ohne negative Emotionen, weiß ich, dass dies ein Lernprozess für mich und mein Pferd ist und dieser Weg steinig und lang sein wird. Trotzdem tut es mir für mein Pferd im Nachhinein leid und ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich mal wieder mit Druck gearbeitet habe.
    Ich habe nun das Buch von Sady bei mir liegen “ehrlich motiviert“ und hoffe, dass es mir auf unserem Weg ein Hilfe sein wird.
    Ich stehe noch viel zu oft auf dem Schlauch und frage mich in diversen Situationen, wie ich nun mit positiver Verstärkung weiterkommen soll? Soll ich ihn höflich bitten meinem Wunsch doch bitte nachzukommen oder wie mache ich ihm gerade klar, was ich gerade von ihm erwarte?
    Manchmal stehe ich da und habe das Gefühl, ich arbeite das erste Mal mit einem Pferd und fange absolut bei Null an, was aber wahrscheinlich auch völlig normal ist. Ich bin ehrlich, ich bin ich solchen Momenten froh, wenn mich niemand dabei beobachtet und ich deren Gedanken schon hören könnte. Sicherlich müsste es mir egal sein, das weiß ich auch, aber ein komisches Gefühl den anderen gegenüber (die die Weisheit mit Löffeln gefressen haben) bleibt. Und nein, ich muss mich denen gegenüber nicht rechtfertigen!
    Ich bin so froh auch immer wieder von anderen zu hören und zu lesen, wie es ihnen ergeht, um zu sehen, dass ich nicht alleine diese Probleme des Umstiegs zu haben.
    Liebe Grüße
    Ilka und Snorry