Waldspaziergang. Foto: Severin Klisch / Klisch Klick

Darf ein Pferd mitentscheiden?

Wingardio und ich sind irgendwo mitten im Wald. Vor fünf Minuten bin ich mit ihm vom Weg abgebogen und in den Kiefernwald eingetaucht. Friedlich ist es hier, nur manchmal beschwert sich ein Vogel, wenn wir anscheinend in sein Revier eindringen. An einer zerwühlten Stelle am Boden nimmt Wingardio eine Witterung auf. Vielleicht waren hier vor kurzem Wildschweine?

Ich weiß nicht genau, wo wir sind, aber ich weiß, in welche Richtung wir laufen müssten, um auf den nächsten bekannten Weg zu kommen. Ich fühle mich wohl hier mitten in der Natur und Wingardio scheint es ähnlich zu gehen. Also entscheide ich bewusst die Führung aufzugeben. Ich fasse das vier Meter lange Seil nicht mehr in Nähe seines Halfters, sondern fast am Ende und lasse mich etwas zurück fallen. Prompt wird Wingardio langsamer und bleibt stehen bis ich wieder auf Höhe seines Kopfes stehe. Ich muss ihn ein bisschen ermutigen, aber dann begreift er, dass er jetzt entscheiden darf, wo es lang geht. Ruhig geht er voran, ein Ohr nach hinten gerichtet, biegt mal nach links und mal nach rechts ab, bleibt auch mal stehen und horcht in den Wald hinein. Nach einer Weile erreichen wir den Weg, der uns wieder nach Hause führen wird. Dort lasse ich ihn ein bissen Waldboden, Blätter und Äste fressen, bevor ich wieder den Strick in die Hand nehmen und vorangehe.

Warum gebe ich die Führung ab?

Es wird Pferdemenschen da draußen geben, die meine kleine „Übung“ für völlig bescheuert, sinnlos oder gar gefährlich halten werden. Wird doch meistens gepredigt, dass wir ja immer die Führung übernehmen müssten, wir diejenigen sind, die das Pferd bewegen und überhaupt uns das Pferd folgen müsse und nicht umgekehrt. Warum eigentlich?

Wenn ich mir die Reiterwelt so anschaue, habe ich oft das Gefühl, dass unsere Pferde eigentlich nichts zu sagen haben. Beim Reiten werden sie mit den absurdesten „Hilfs“mitteln vermeintlich in Schach gehalten und am Boden oft einfach nur dominiert. Selbst bei der sogenannten Freiarbeit erscheinen mir die Pferde manchmal nicht freien Willens mitzumachen, sondern dressiert. Ich habe das Gefühl, dass wir ständig immer alles kontrollieren wollen und, dass es Menschen gibt, denen es schwer fällt die Kontrolle abzugeben; nicht nur im Beisammensein mit dem Pferd. Ich schließe mich übrigens da mit ein. Nun wünsche ich mir aber für mein Pferd mehr Selbstvertrauen. Um diesen Wunsch oder dieses Ziel zu erreichen, gehört es für mich dazu, ihn auch eigene Entscheidungen treffen zu lassen. Wisst ihr wie stolz er aussah, als er das erste Mal über seine verhasste Plastikplane gegangen ist? Ich habe ihn während des Prozesses völlig frei entscheiden lassen, ob und vor allem wann er den nächsten Schritt wagen möchte; also die Nase ran halten oder eben einen Huf drauf setzen möchte. Das war ein langer Weg, der sicherlich nicht für jeden der richtige ist. Inzwischen führe ich ihn drüber. Zeige ihm also, dass ihm auch nichts passiert, wenn er mir folgt.

Nicht für jedes Pferd

Zurück zu unserer „Waldübung“: Auch dabei geht es mir darum, dass er lernt, dass er in gewissen Situationen, selbst Entscheidungen treffen darf. Ich möchte ihm zeigen, dass ich genügend Vertrauen in ihn habe, dass er für uns den richtigen Weg findet. Ich gebe die Kontrolle ab.

Grasen

Ich entscheide, wann Wingardio im Beisammensein mit mir grasen darf.

Diese kleine Übung ist sicherlich nicht für jedes Pferd-Mensch-Paar geeignet. Vor allem nicht, wenn Dein Pferd eh schon sehr dominant ist oder bei jeder Gelegenheit den nächsten Grashalm rausrupfen möchte. (Lesetipp: Karo von Pferdefreunde erklärt Dir, warum es gar nicht so einfach ist ein Pferd zu führen). Ich muss schon sehr genau die Stimmung und Situation, in der wir uns befinden, einschätzen, um zu erkennen, ob uns diese kleine Übung in diesem Moment weiterbringt oder nicht. Wenn Wingardio aufgeregt oder dem gemeinsamen Beisammensein nicht genügend Aufmerksamkeit schenkt, dann ist es sicherlich nicht der richtige Zeitpunkt ihm die Verantwortung zu überlassen. Auch wenn wir uns in „meiner Welt“, also Stallgebäude, Dorf, Straßenverkehr oder ähnliches befinden, sehe ich es als meine Aufgabe, uns den Weg zu weisen und wenn nötig uns zu schützen. Aber da draußen in der Natur, der er viel näher ist als ich, da fühle ich, dass es für uns der richtige Ort und es völlig okay ist, wenn er uns führt.

Lesetipp: Auch Nadja hat sich auf ihrem Blog Gedanken darüber gemacht, wie man das Selbstvertrauen eines Pferdes stärken kann: Es ist doch nur eine Stange? Große Probleme offenbaren sich im Kleinen und bei Sandra gibt es einen Artikel mit Tipps zum richtigen Führen lernen.

Titelfoto: Severin Klisch / Klisch Klick


Jetzt interessiert mich natürlich, was Du von meiner Übung hältst. Kannst Du meine Gedanken nachvollziehen oder hälst Du das für totalen Unsinn? Hast Du auch schon mal die Führung bewusst abgegeben, oder hat Dein Pferd die Verantwortung für Euch übernommen?

.

8 Kommentare

  1. Jürg

    Ich bin, ungefähr so wie die Jungfrau zum Kind, zu einer ziemlich eigensinnigen Wildpferdestute gekommen. Mir war von Anfang an klar, mit diesem Pferd komme ich nur weiter, wenn wir uns auf gleicher Augenhöhe begegnen, und dass ich ihr Vertrauen nur gewinnen kann, wenn ich ihr vertraue. So ist sie zum verlässlichsten Partner geworden, den man sich vorstellen kann.
    Ich führe mit ihr oft Pferdetrekkings in den Bergen, zum Teil mit Leuten, die noch nie auf einem Pferd gesessen sind, und da lasse ich sie ihre Arbeit machen. Aufmüpfige Kälber und Fohlen auf den Weiden im Schach halten, die ganzen Pferde wieder runterholen, wenn am Wegrand eine Fliege gehustet hat, und den sichersten Weg über Geröllhalden suchen.
    Mittlerweilen haben auf ihr auch ein paar Kinder den Einstieg in die Reiterei gefunden und es gehört zum üblichen Bild, dass ich mit ihr ohne Sattel, Zaum, Halfter, Führstrick und so, durchs Dorf reite oder spaziere.

    • Hallo Jürg,

      das hört sich traumhaft an…ich gehe mal Deinen zweien Kommentar lesen 😀

  2. Petra Dupré

    Vor einigen Jahren, als mein Mann und ich mit dem Reiten anfingen, sind wir oft mit einem befreundeten Ehepaar ins Gelände geritten. Einmal wussten wir nicht mehr, ob wir, um nach Hause zu kommen, an einer Weggabelung rechts oder links müssen. Hatten uns total verritten. Schon damals war meine Stute ziemlich selbstsicher. Dann hab ich zu Ihr gesagt, so „Maus“ jetzt musst Du uns nach Hause bringen. Und sie hat tatsächlich den richtigen Weg gefunden. Ich bin bald geplatzt vor Stolz. Seitdem überlasse ich Ihr immer mal wieder die Führung, und sie übernimmt das immer sehr gerne.

    • Hallo Petra,

      oh ja, davon habe ich auch schon gehört. Irgendwie auch beruhigend zu wissen, dass man sich auf die Tiere verlassen kann oder? Wir entdecken gerade auf diese Weise immer mehr neue Wege. Viel Freude weiterhin Euch beim Führung abgebe 🙂

      Liebe Grüße, Saskia

  3. Pingback: Dominanz ist nicht das wahre Problem, sondern wir! — Lenina01.at

  4. Pingback: Gut vorbereitet Spazieren gehen | Triple L

  5. Ariane

    Hey!

    Ich hab das auch schon gemacht. Mit meiner letzten Reitbeteiligung. Sie durfte regelmäßig entscheiden, wo wir lang reiten wollen. Und nein, sie hat nicht immer den kürzesten Weg nach Hause gewählt. Am Anfang war es aber für sie schwer. Ich habe ihr nicht gesagt, wo es lang gehen soll. Also war sie verunsichert und blieb stehen und schien auf meine Anweisung zu warten. Es hat wirklich eine Weile gedauert, bis sie es annehmen konnte, mal selber zu entscheiden.
    Mit meiner Shetty-Stute habe ich das so (draußen) noch nicht gemacht. Sie würde sich die nächstbeste Freßgelegenheit suchen. Aber in unseren Pausen während der „Arbeit“ drehen wir gerne den Spieß um und sie führt mich.

    Liebe Grüße,
    Ariane

    • Hallo Ariane,

      schön zu lesen, dass ich nicht alleine mit meiner Idee bin 🙂 Irgendwann werde ich das auch mal auf Wingardios Rücken ausprobieren.
      Mit einem Grasfixierten Pferdchen stelle ich mir das auch schwer vor und verfehlt dann vielleicht auch seinen Sinn.

      Liebe Grüße
      Saskia