Mehr Selbstvertrauen für mein Pferd! #Pfeihnachten

Was wünscht sich mein Pferd zu Weihnachten?

Ich könnte jetzt darüber schreiben, dass sich Wingardio

  • Sozialkontakte
  • Sicherheit
  • Freiraum (zum Bewegen, Schlafen/Ruhen und Fressen) und
  • Futter und Wasser

wünscht. Jedenfalls waren das die ersten Punkte, die mir in den Sinn kamen, als ich darüber nachdachte, was sich (m)ein Pferd „wünscht“. Letztendlich sind das aber die Grundbedürfnisse eines Pferdes, die Wingardio sich hoffentlich nicht vom Christkind wünscht, sondern die ich ihm mit meinen Möglichkeiten erfülle. Also gehen meine Gedanken weiter und ich glaube, er wünscht sich gar nichts. Menschen haben Wünsche. Pferde leben – wie man so schön sagt – im Hier und Jetzt. Können Pferde überhaupt Wünsche haben, die sich – wenn überhaupt – in der Zukunft erfüllen? Ich glaube nicht.

Also, formuliere ich die Frage um: Was wünsche ich mir für mein Pferd? Dabei kommt mir gleich ein Gedanke in den Kopf, den ich immer wieder habe: Ich wünsche Wingardio mehr Selbstvertrauen und Gelassenheit. Hätte Wingardio mehr Selbstvertrauen, würde er sich nicht so oft „selbst im Weg stehen“ und sein Leben, wie auch meins, wäre entspannter.

Rückblick

Ich begleite Wingardio jetzt genau seit einem Jahr und die Monate waren geprägt von Vertrauensarbeit. Ich möchte vor allem, dass er Vertrauen in mich bekommt, damit ich ihm helfen kann, seine Ängste neuen Dingen gegenüber zu überwinden.

Von seinen Züchtern wusste ich, dass er als junges Pferd Menschen gegenüber äußerst skeptisch war, und dabei hatte er keine unangenehmen Erfahrungen mit uns Zweibeinern gemacht. Es liegt in seiner Natur, die Dinge, die für ihn nicht in seine Welt gehören, erst mal genau und misstrauisch zu beobachten, bevor er auf sie zugeht und gegebenenfalls annimmt oder flüchtet. In der Hinsicht ist er seinem Vater wohl sehr ähnlich. Vor allem Plastik und bestimmte Geräusche lösen bei ihm große Angst aus. Hinzukommt, dass er äußerst bodenscheu ist.

Als Wingardios Vorbesitzerin anfing, sich mit ihm zu beschäftigen, ihm die Welt zu zeigen, wurde er neugieriger und Menschen gegenüber sehr zugewandt. Gleichzeitig wuchs auch sein Selbstvertrauen. Dennoch gibt es immer wieder Situationen, in denen ich spüre, dass er zwar gerne die Aufgaben lösen möchte (zum Beispiel an dem in Plastik eingepackten Traktor vorbeizugehen), es sich aber nicht zutraut. Manchmal schaffe ich es, ihm das fehlende Vertrauen zu geben und wir gehen erhobenen Hauptes gemeinsam an dem Gruselmonster vorbei. Manchmal schaffe ich es nicht. Da ihm auch erfahrene, ältere und ranghöhere Pferde in solchen Situationen nicht die Sicherheit geben können, habe ich aufgehört unser Vertrauensverhältnis in Frage zu stellen. Sicherlich gibt es Momente, in denen ich an mir zweifele, was er natürlich sofort spürt, und ich ihm dann nicht die nötige Sicherheit vermitteln kann. Aber in den meisten Fällen fehlt ihm einfach der Mut.

Die Dinge annehmen

Früher habe ich mich oft dabei ertappt, wie ich Wingardio mit anderen Pferden in seinem Alter verglichen habe, wenn diese sich mutig in Plastikplanen einwickeln ließen und wir immer noch vor diesem Teil saßen und das höchste der Gefühle ein Anstupsen mit der Pferdenase war. Mit der Zeit habe ich gelernt, die Dinge und uns als Team so anzunehmen, wie wir sind. Wingardio ist einfach ein sensibles, eher scheues Pferd, das aber bisher niemals kopflos reagiert oder sich gar gegen mich gestellt hat. Das alles gehört zu ihm, wie all die anderen Charaktereigenschaften und es liegt an mir, damit umzugehen. Es gibt so viele einzigartige und wunderbare Momente, in denen er mir zeigt, wie sehr er mir vertraut.

Trotzdem wünsche ich mir für ihn, dass er gelassener wird und mehr Vertrauen in sich bekommt. Wer uns schon eine Weile kennt, wird wissen, dass unsere größte Baustelle seine Bodenscheuheit ist.

Was bedeutet bodenscheu?

Ein bodenscheues Pferd weigert sich auf oder über ihm unbekannte Dinge zu treten. Entweder weicht Wingardio diesen Dingen gekonnt aus, oder er bleibt in einem „Sicherheitsabstand“ schnorchelnd davor stehen. Wenn er keinen Umweg erkennt, springt er manchmal auch einfach drüber. Das können Gullideckel, weiße Begrenzungsstreifen auf der Straße, Pfützen, Plastikplanen, aber auch einfach unbekannter Untergrund wie eine Hängerrampe sein.

Zeit, Geduld und positive Verstärkung

Manchmal tut er mir richtig gehend Leid, wenn er panisch schnorchelnd vor diesen Dingen steht. So viel Stress kann doch nicht gut für die Seele sein, denke ich mir dann manches Mal. Ich habe schnell festgestellt, dass wir kaum weiterkommen, wenn ich versuche ihn mit Druck – sei es am Strick ziehen oder rüber treiben- zu etwas zu bewegen. Am deutlichsten wurde mir das, als ich mit ihm geübt habe durch Pfützen zu laufen. Prinzip „Der kleinen Schritte“ Seitdem arbeite ich mit dem Prinzip „Der kleinen Schritte“. Wenn ich ihm die Zeit gebe, selbst über die Situation nachzudenken, ihm gleichzeitig Sicherheit vermittle und konsequent mein Ziel verfolge, dann meistern wir fast immer 😉 die kleinen Alltagshürden.

Seit ein paar Monaten arbeite ich außerdem mit dem Prinzip des Clickerns. Es ist ein bisschen so, als würde er lernen, dass es sich tatsächlich lohnt über seinen eigenen Schatten zu springen. Für uns war das quasi das fehlende Puzzelteil, und ich habe ihn selten mit so viel Motivation an das Plastikplanengruselmonster gehen sehen. Eine liebe Freundin schrieb mir, dass er jetzt bestimmt ein paar Zentimeter größer ist, seitdem er die ersten Schritte auf die Plastikplane gesetzt hat. Und ja, genau so ist es. Er ist natürlich nicht körperlich gewachsen, aber ich konnte es in seinem stolzen Blick sehen, dass sein Vertrauen in sich gewachsen ist… vielleicht sogar ein bisschen in uns als Team.

Dieses Bild eines durchweg stolzen und zufriedenen Pferdes macht mich sehr glücklich und deswegen wünsche ich mir für uns, dass wir diesen positiven Weg weiter verfolgen und ich so sein Vertrauen in mich und in sich stärken kann.


Dieser Beitrag ist Teil eines pferdigen Adventskalender, den sich Clauida von lenina01.at und ich ausgedacht haben: 22 Pferde-Menschen wer­den in der Weih­nachts­zeit ver­su­chen, sich in ihre Pferde hin­ein­zu­ver­set­zen. Sie wer­den auf­schrei­ben, was ihre Pferde auf die Wunsch­liste an das Christ­kind schrei­ben bzw. was sie sich ganz all­ge­mein für die Pferde-Welt wünschen. Bisher haben Claudia von lenina01.at Was wünscht sich mein Pfle­ge­pferd vom Christkind?, Miri von Mein Faible Über Vorfreude und Besinnlichkeit an #Pfeihnachten., Sirkhan, Tinker aus Leidenschaft, Klaudia von Two Toned, Karo von Pferde Freunde Der Wunschzettel meines Pferdes, Petra von der Pferdeflüsterei Wunschliste zu Pfeihnachten: Was Pferde wirklich brauchen!, Lina von Nordfalben Pfeihnachten kommt!, Sarah von verwandert, Jayanthi von Fühlend Reiten: Adventskalender für mein Pferd und Pfridolin Pferd ihre Gedanken aufgeschrieben.

Was wünscht Ihr Euch für Euer Pferd?

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7 Kommentare

  1. Pingback: Darf ein Pferd mitentscheiden? - PferdeSpiegel

  2. Pingback: #Pfeihnachtskalender – Was sich Ponys wünschen – Ponyliebe

  3. Liebe Saskia, Selbstvertrauen ist ein wunderbarer Wunsch. Ich kann mir vorstellen, dass das nicht immer einfach ist und finde toll, dass du den Weg der kleinen Schritte und das Clickern als eure Lösungen entdeckt hast. Mein Pferd ist sozusagen das Gegenteil von Wingardio, sie hat fast schon zuviel Selbstvertrauen. Was ihr in der Herde immer wieder kleine „Rasuren“ und mir immer wieder Diskussionen darüber einbringt, wer eigentlich 1 % mehr das Sagen hat. Sie zeigt mir aber ihr Vertrauen auch dadurch, dass sie zuhört und nicht einfach selbst entscheidet, wenn sie sich kurz mal doch erschreckt. Das ist ein wunderbares Gefühl, das Wingardio dir ja offenbar immer wieder schenkt, wenn er trotz seiner Schüchternheit nie kopflos wird und immer bei dir bleibt 🙂 Ich schicke euch ganz liebe Grüße und sage auch nochmal danke für eure schöne Idee den Pfeihnachtskalender zu machen, Petra

    • Hallo Petra,

      schön, von Dir zu lesen. Ich habe vor kurzem mit der Besitzerin von Wingardios Halbschwester gesprochen, die meinen Artikel gelesen hatte und mir berichtet, dass ihre Stute doch ganz anders sei und mehr zur Sturheit neigen würde. So verschieden können sie sein, ne?! 🙂
      Ich bin sehr froh darum, dass er nicht kopflos reagiert. Das könnte sonst auch mal gefährlich werden. Ich finde es schon sehr erstaunlich wie er in sekundenschnelle wieder runter kommt, sobald die vermeintliche Gefahr aus den Augen und aus dem Sinn kommt. Und ich freue mich auf unseren gemeinsamen Weg die Platikplanenmonster, die da noch so kommen mögen, zu „besiegen“. 🙂

      Euch auch eine schöne Weihnachtszeit und ich freue mich, dass Du mitgemacht hast. Viele Grüße, Saskia

  4. Denise

    Hi Saskia,

    ich sitze gerade mit Gänsehaut vor deinem Artikel, weil ich so gut mitfühlen kann. Meinem RB-Pony fehlte es auch an Selbstvertrauen und Mut und ich fragte mich so manches Mal, warum die Stallkameradin mit ihrem selbstbewussten Pferd schon längst Zirkuslektionen auf Abruf am Boden hinbekommt und ich dagegen dem Pony zum gefühlt hundertsten Mal zeigen musste, dass auch heute keine Geister auf dem Reitplatz lauern. Es fiel mir lange schwer zu akzeptieren, dass die eigene Beziehung zwischen Mensch und Pferd nun mal so ist, wie sie ist – und weder messbar an noch vergleichbar mit anderen ist.
    Und so wie du schreibst, erging es auch mir: als ich es akzeptiert hatte, sah ich immer mehr die Situationen, die doch ganz stark von Vertrauen geprägt waren. Dem wohnt ein eigener Zauber inne, der niemandem sonst außer dem Pferd und einem selber gehört.

    Das Clickern und die positive Verstärkung ist für solche Pferde Gold wert, finde ich 🙂
    Dazu noch eine kleine Anekdote: Einmal hatte sich das Ponychen eine lange Wunde an der Stirn zugezogen und war absolut nicht erpicht darauf, sich diese reinigen zu lassen. Also hatte ich das Kopf-ruhig-Halten erclickert, dass von ihr dann tatsächlich als Handtarget (Kopf an Hand zum Saubermachen) erkannt wurde. Zwar zog sie bei jeder Berührung der Wunde den Kopf mit weit aufgerissenen Augen hoch, kam aber jedes Mal mit dem Kopf zur „bösen“ Hand zurück. Für mich eine absolute Bestätigung der Clickermethode und ein Vertrauensbeweis!

    Liebe Grüße,
    Denise

    • Hallo Denise,

      vielen lieben Dank für Deinen Kommentar. Habe mich sehr darüber gefreut mal etwas von jemanden zu lesen, dem es ähnlich geht. Meistens lese ich doch eher Beiträge über „dominante“ Pferde. Das mit dem eigenen Zauber, hast Du ganz wunderbar beschrieben. Ja, wir haben solche Momente und die behalte ich einfach für mich in meinem Herzen, wo sie strahlen dürfen. <3

      Die Geschichten zum Clickern ist super. Toll, wenn man solche Erfahrungen macht, oder? 🙂 Ich habe auch gemerkt, dass gut zureden viel hilft. Eigentlich war ich immer der Meinung, dass Wingardio dann erst recht denken könnte, dass der Säbelzahntiger um die Ecke kommt, aber immer wieder stelle ich fest, dass er sich dadurch prima beruhigen lässt. Lachen hilft auch manchmal, dann aber nicht über ihn, sondern über uns 🙂

      Viele liebe Grüße und weiterhin viel Freude mit deinem RB-Pony! Saskia

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