Das weiße Pferd und das Mädchen

Dies ist die Geschichte von dem Mädchen mit dem weißen Pferd. Es ist eine Geschichte über Freundschaft, Verlust, das Erwachsenwerden und Vertrauen. Entscheide selbst, ob ihr Ende ein glückliches ist.

Das weiße Pferd hieß Roy. Und auch wenn er aufgrund seines Alters kein majestätisches Aussehen mehr hatte, so war der kleine Hengst für das junge Mädchen ihr König. Sie trafen sich, als das Mädchen gerade auf dem Weg war sich aufzumachen, erwachsen zu werden. Doch eigentlich war sie fast noch ein Kind. Der stolze Hengst spürte das und passte auf sie auf. Sie gingen gemeinsam spazieren, galoppierten über Stoppelfelder, sprangen über Baumstämme und vertrauten sich blind.

Roy-Vertrauen

Oft lag das Mädchen einfach nur auf seinem Rücken und hörte ihn grasen, während über ihnen die Blätter der großen Weiden im Wind rauschten. Ein Urvertrauen sagte ihr, dass er sie nicht von seinem Rücken fallen lassen würde. Dieses Bild würde sich bei ihr einbrennen und sie auch viele Jahre später immer wieder an diesen Ort zurückführen. Hier spürte sie keinen Druck, keine Erwartungen, keine Kontrolle. Hier war sie einfach nur eins mit ihrem weißen Freund, der sie auch ohne Worte verstand.

An manchen Tagen ritten sie auch an ihrer Wiese vorbei, entlang an dem kleinen Kanal, vor dem der kleine König so große Angst hatte. Wenn sie über die Brücke kamen, öffneten sich die weiten Felder für sie und er galoppierte mit dem kleinen Mädchen auf seinem Rücken dort entlang. Noch heute spürt sie diesen ganz besonderen Rhythmus. Sie fühlte sich sicher und wusste, dass er immer für sie anhalten würde. Doch meisten ließ sie seiner Energie freien Lauf. Viele viele Jahre später sollte genau dieses Gefühl auf einem ihr fremden Pferd in einem anderen Land, sie zurück zu den Pferden führen.

Roy-Wiedersehen

Wiedersehen und Abschied.

So verlebten das Mädchen und das weiße Pferd einige Jahre zusammen bis der Tag kommen sollte, an dem ihre gemeinsame Zeit verrüber war. Denn Roy gehörte nicht dem kleinen Mädchen. Seine Besitzerin entschied, mit ihm in eine weit entfernte Stadt zu ziehen. Nur durch Zufall erfuhr das Mädchen kurz vorher von dem Umzug, aber dennoch hatte sie nicht die Zeit, die sie sich wünschte, um Abschied zu nehmen. Und so ging er fort und für das Mädchen zerbrach eine Welt. Stumm und tränenlos litt sie und wandte sich von den Pferden ab. Jahre später verstand sie, dass ihr ein Schatz genommen wurde. Der kleine König hatte ihr so viel fürs Leben beigebracht: Vetrauen ins Leben, in ihn und vor allem in sich selbst. Gleichzeitig hatte er sie nie enttäuscht, niemals. Doch das sollte sie erst viel später verstehen.
Als das Mädchen als junge Frau das erste Mal von einem anderen Menchen richtig enttäuscht wurde, verloren sie das Vertrauen ins sich, in andere und daran, dass alles wieder gut werden würde. Und sie wurde wütend. Wütend darauf, dass man ihr ihren König genommen hatte, dass er ihr nicht mehr zeigen konnte, wie überlebenswichtig Vertrauen ist. Aber sie wollte nicht wütend sein, wollte nicht, dass dieses Gefühl sie bestimmen würde und so entschied sie, dass es Zeit war, Abschied zu nehmen. Sie fand die neue Adresse seiner Besitzerin heraus und fuhr 400 Kilometer, um ihren König wiederzusehen und sich zu verabschieden.

Noch oft denkt sie zurück an ihren Roy und meistens füllen sich ihre Augen mit Tränen, die sie damals nicht vergossen hat. Gleichzeitig ist sie erfüllt von tiefer Dankbarkeit einen solchen Freund an ihrer Seite gehabt zu haben.

2 Kommentare

  1. Hallo Saskia, das ist so schön geschrieben und es hat mich sehr berührt! Ich finde wir denken viel zu viel im Umgang mit den Pferden, und fühlen zu wenig. Es muss immer irgendwas funktionieren, immer wird was verlangt, es fehlt die Leichtigkeit. Dein Text gibt das so schön wieder, auch den Text mit der Angst habe ich gelesen. Sehr schön geschrieben und ich hab mich darin wieder gefunden. Liebe Grüße Mercedes

    • Hallo liebe Mercedes, vielen Dank für Deine herzlichen Worte! Ich bin ja eigentlich eher der sachlich (schreibende) Mensch, umso schöner zu lesen, dass auch „andere“ Texte gelesen und verstanden werden. Lieben Dank und Grüße in den Schleierhexenwald 🙂 Saskia