Foto: Severin Klisch/Klick Klisch

Von kleinen Schritten und großen Erfolgen

Vor ein paar Wochen las ich in der Bahn auf dem Weg zu Wingardio Ann-Christins Artikel Problemfrei durch den Sommer. Ich war sofort von dem Konzept Der kleinen Schritte und Fragen stellen begeistert. In kleinen Schritten und mit (meist) positiver Verstärkung erarbeiten Wingardio und ich uns eh schon den Weg durch die Welt der Pferdetrolle – in unserem Fall vor allem Plastikplanen und Miniponys. Zwar gebe ich ihm viel Zeit sich Neues anzuschauen und versuche keine Erwartungshaltung zu haben, nur habe ich mir dabei bisher nie konkrete Fragen im Kopf für ihn formuliert.

Ich nahm mir vor, bei der nächsten Gelegenheit, Wingardio mit Ann-Christins Konzept seine Angst vor Pfützen zu nehmen. Blöd nur, dass es in der nächsten Zeit nicht regnen wollte. Also musste ich umdisponieren und entschied das nächste Mal, als wir alleine in der Halle waren, dass es nun endlich an der Zeit war die Trolle in den Reithallenecken zu besiegen. Besonders die vordere, rechte Ecke neben dem Ausgang macht ihm zu schaffen. Dort ist das große Tor nach draußen. Manchmal liegt ein gelber Wasserschlauch in der Ecke und das Tor zur Futterkammer steht gelegentlich auf und ängstigt ihn schon, wenn wir durch die Stallgasse daran vorbei gehen. Ich kenne zwar die (Horsemanship) Idee, dem Pferd ganz gezielt in der Ecke, die es vermeidet, eine Pause zu geben, aber bei uns bestand das Problem darin, dass Wingardio sowohl unter dem Sattel als auch an der Hand versucht der Ecke auszuweichen und richtige Angst vor ihr hatte.

Um Wingardio nicht gleich mit meiner neuen Idee zu überfallen, spielten wir erst etwas Fußball. Früher gruselte ihn der große, blaue Gummiball sehr, aber inzwischen rennt er sofort darauf zu, stupst ihn an und wartet auf meine Reaktion. Danach setzte ich mich in die Ecke und schaute ihm dabei zu, wie er die Reithalle erkundete bis er zu mir kam. Also fragte ich ihn:

Magst Du mit mir eine Runde in der Reithalle gehen?

Ich wusste, dass er mir die Frage mit „ja“ beantworten würde. Als er mir vertrauensvoll einen Schritt folgte, lobte ich ihn. So liefen wir zusammen in die „ungruseligste“ Ecke. Dort angekommen, stellte ich mich direkt rein, um ihm zu zeigen, dass ich die Trolle bekämpfen würde. Er schaute mich etwas fragend an, also fragte ich zurück:

Kannst Du mir folgen, wenn ich jetzt einen Schritt nach hinten mache?

Hier überraschte Wingardio mich, da er sofort in die Ecke trat. Überschwänglich lobte ich ihn wieder und fragte ihn:

Magst Du mit mir ein bisschen hier stehen bleiben?

Dabei blieb ich sehr ruhig stehen, um ihm eine wirkliche Pause zu gönnen, und er blieb entspannt neben mir. Also wollte ich einen Schritt weiter wagen und schauen, was bei folgender Frage passieren würde:

Bleibst Du hier stehen, wenn ich wieder aus der Ecke rausgehe?

Ich entfernte mich ohne ihn einzuladen mitzukommen und zunächst schien es so, als wollte Wingardio mir folgen, also blieb ich kurz stehen und fragte ihn noch einmal:

Kannst Du dort alleine in der Ecke bleiben?

Ich entfernte mich noch ein paar Schritte. Er blieb in der Ecke stehen und fing an, sie ein wenig zu erkunden. Prima, dachte ich mir und machte ihm nach einer Weile mit meiner Körpersprache deutlich, dass es okay wäre, wenn er jetzt wieder zu mir kommt, damit wir uns die wirklich gruselige Ecke anschauen konnten.

Ich ging die gleichen Schritte und Fragen durch, die ich auch schon in der anderen Ecke gemacht bzw. gestellt hatte. Bei der Frage, ob er mir in die Ecke folgen könne, kam kein eindeutiges ‚Ja‘. Als ich ihm Platz machte, blieb Wingardio ziemlich skeptisch ein paar Schritte entfernt stehen. Ich stellte mich so hin, dass ich zumindest zwischen der großen Tür nach draußen und ihm stand. Ich ließ Wingardio Zeit über die Situation nachzudenken, so hatten wir schließlich auch schon andere Trolle besiegt. Und anstatt ihn nochmal aufzufordern zu mir zu kommen, fragte ich ihn:

Kannst Du mir nach unten folgen und Deinen Kopf senken?

Dabei kniete ich mich selber hin. Sein innerlicher Kampf war ziemlich offensichtlich: Nach Futterkammertrollen schauen und ggf. flüchten oder mir mit dem Kopf nach unten folgen. Ich ließ ihm Zeit und letztendlich senkte er den Kopf und es folge ein großes Lob. Ich beobachtete ihn genau, um zu sehen, ob ich ihn mit einer nächsten Frage überfordern würde oder Schluss für heute machen sollte. Da er so bei mir war und entspannt schien, fragte ich ihn:

Kannst Du mir folgen, wenn ich jetzt einen Schritt nach hinten mache?

Er bewegte sich auf mich zu in seine Gruselecke, ich konnte ihm aber sichtlich ansehen, dass ihm diese Ecke nicht so sehr behagte. Er schielte die ganze Zeit wieder mit hoch erhobenem Kopf zum Tor zur Futterkammer. Wir bleiben eine Weile dort stehen und ich lobte ihn dafür, dass er es so lange in der Nähe der Trolle aushielt. Fürs nächste Mal nehmen wir uns vor dort weiter zu machen; mit viel Ruhe, in kleinen Schritten und Fragen im Kopf.

Mein Fazit zur „Kleine Schritte und Fragen“ Methode

Für mich ist das Formulieren der Fragen im Kopf eine super Ergänzung zu den kleinen Schritten, mit denen wir uns eh schon gruseligen Dingen nähern. Durch die Fragen visualisiere ich zunächst, was ich gerne von Wingardio möchte und kann so meine Körpersprache spezifischer einsetzen. Außerdem mache ich mir noch einmal mehr bewusst, welche kleinen Schritte er benötigt, um so manches – auf den ersten Blick klein erscheinende Hindernis – zu überwinden. Für uns scheint dieses Konzept einfach sehr stimmig. Liebe Ann-Christin, herzlichen Dank für den Denkanstoß an diesem Sonntagmorgen!

Foto: Severin Klisch/Klisch Klick


Wie bekämpfst Du mit Deinem Pferd die Trolle? Erzähle mir davon in den Kommentaren.

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11 Kommentare

  1. Pingback: Gedanken zum Kurs bei Sady von Motionclick - Vom Druck der positiven Verstärkung - PferdeSpiegel

  2. Claudia

    Liebe Saskia, heute habe ich ein bisschen in den „älteren“ Beiträgen gestöbert und bin durch Zufall bei diesem hier gelandet. Und wie es so oft ist, holt er mich da ab, wo ich gerade bin. Das mit den konkreten Fragestellungen ist eine gute Idee, die ich ausprobieren will. Neben der klareren Körpersprache meine ich, dass man dadurch noch sensibler die Reaktionen des Pferdes reflektiert. Ich probiere es aus. 😀 Lieben Gruß, Claudia (mit Helios)

    • Hallo liebe Claudia,

      oh wie schön, dass er Dir gefällt. Im Nachhinein betrachtet, war das unsere erste Clickereinheit 🙂 Bin gespannt, was Du mir berichtest. Ich versuch es mir immer wieder in Erinnerung zurufen. So arbeiten wir gerade z.B. daran, dass ich ihn auf den Zirkel schicken kann.

      Ganz liebe Grüße, Saskia

  3. Pingback: Mehr Selbstvertrauen für mein Pferd! #Pfeihnachten - PferdeSpiegel

  4. Mara

    Hallo 🙂 ich habe mich gerade durch dein Blog gelesen und bin sehr begeistert. Ich freue mich schon auf neue Beiträge.

    (Ich finde wie du deine Erfahrungen zb mit Sattel oder auch notwendiger Ausrüstung sehr hilfreich und interessant. Zudem sagt mir deine Einstellung zum Pferd und wie man miteinander umgehen sollte sehr zu… also danke, dass du das alles hier teilst!)

    • Hallo Mara,

      vielen Dank für diese tolle Rückmeldung. Das motiviert zum Weiterschreiben 🙂 Ich hoffe, Du findest auch in den kommenden Artikel viel Hilfreiches für Dich. Hast Du auch ein eigenes Pferd?

      Viele Grüße, Saskia

  5. Liebe Saskia,

    danke für diesen tollen Artikel.

    Bei meinem Pflegepferd und mir geht es nicht nur um eine gruselige Ecke sondern gleich um eine ganze gruselige Halle. Momentan arbeite ich daran, dass wir uns der Halle ganz in ruhe nähern.

    Auf unseren Spaziergängen sehen wir uns diese also immer wieder von außen an. Wir bewegen uns in die richtung des Eingangs und sobald ich merke, dass sie den Kopf hebt und Angst bekommt bleiben wir stehen.

    Wir sehen uns dann an diesem Punkt ganz genau alles an und ich warte bis sie sich wieder entspannt. In diesem Moment gibt es dann ein Lob und wir drehen um. Damit Belohne ich sie zusätzlich.

    Die Angst vor der Halle ist leider so groß, dass wir uns Stück für Stück annähern müssen.

    Liebe Grüße
    Claudia

    • Guten Morgen Claudia, oh das kenne ich von der Stute, auf der ich meine letzte RB hatte. Mit ihr konnte man nur durch einen Eingang rein, die andere Seite war total negativ belegt.
      Eigentlich so simple Sachen werden dann echt schwierig, aber ich denke, Du wählst da schon den richtigen Weg für Euch! Probiere das mal mit den Minifragen. Und hat das echt total geholfen und ich versuche das auch bei Alltagssituationen anzuwenden, wenn auf einmal der Mistplatz gruselig erscheint
      Liebe Grüße

      • Liebe Saskia,

        werde ich auf jeden Fall machen. Bin schon gespannt.

        Liebe Grüße
        Claudia

  6. Liebe Saskia,

    das freut mich sehr, dass dir mein Konzept so gut geholfen hat. Genau dafür ist es da: Zur Visualisierung und zum sich selbst klar werden, was man eigentlich will! Um eine Frage formulieren zu können, muss man wissen, was man möchte und wie man das möchte, anders geht es nicht.
    Zeitgleich sind Fragen eine viel höflichere Kommunikationsform mit dem Pferd, als andauernd nur Aufforderungen zu stellen – natürlich nur so lange, wie ein Nein oder ein Zögern auch ok sind.

    Super schön, dass ihr beide damit so gut zurecht kommt und ganz bestimmt, ist die gruselige Ecke bald gar nicht mehr so gruselig und dein schöner Wingardio wird platzen vor Stolz, weil er die Trolle verjagen konnte und die Welt ein bisschen sicherer gemacht hat!

    <3

    Ann-Christin

    • Danke! Wir üben damit auch über die Plastikplane zu gehen. Ich weiß nicht, warum er solche Panik davor hat. Da könnte ich ihn zum Beispiel nie gleich fragen: „Kannst Du darüber gehen…“ Wir sind derzeit eher bei: „Ist es ok, wenn ich darauf rumlaufe?“ oder „Kannst Du Deine Nase ranhalten, wenn ich bei Dir bin.“ Das klappt ganz gut, aber ich glaube, wir werden belächelt. Dafür merke ich, wie sein Selbstvertrauen steigt 🙂