Dein Pferd spiegelt dich. Foto: A. Blank (privat)

Wie mich mein Pferd spiegelt

Kennst Du Petra und die Pferdeflüsterei? Immer wieder stöbere ich in ihrem Blog herum und finde gefühlvoll geschriebene, authentische und hilfreiche Artikel zu jeglichen Pferdethemen. Schau doch mal vorbei!

In einem ihrer letzten Blogeinträge ruft sie Tierblogger dazu auf, von ihrem Weg zu erzählen, wie sie es schaffen, ein Herz und eine Seele mit ihrem Tier zu werden. Dieser Aufforderung möchte ich heute gerne nachkommen.

Mein Weg

Für mich gibt es nicht den einen Weg, um eine vertrauensvolle Beziehung mit einem Pferd aufzubauen. Jeder Mensch ist anders und jedes Pferd auch. So hat es Wingardio mir bisher sehr leicht gemacht. Wir kennen uns erst ein halbes Jahr und seit dem ersten Kennenlernen bringt Wingardio mir großes Vertrauen entgegen. Ein Vertrauen, für das ich alles tue, um es zu bewahren. Auf Zuruf kommt er – wenn das satte Grün ihn nicht gerade mehr lockt als mich – und folgt mir. Wir können gemeinsam über die Wiese traben. Beim freien Longieren reagiert er schön auf meine Körpersprache, aber zeigt mir auch, wo ich noch klarer sein muss. Ich glaube, er hat auf „seinen Menschen“ gewartet, den, der ihm die Welt zeigt, der ihn außerhalb seiner Herde beschützt, der ihm genau zuhört und – für ein Pferd (überlebenswichtig) – den Menschen, der ihm Sicherheit gibt.

Wingardio-bekommt-Leckerli

Foto: Severin Klisch / Klisch Klick

Dabei basiert meine Arbeit mit Wingardio auf folgenden Punkten, die ich mir immer wieder vor Augen führe:

  • Konsequenz und Timing
  • Geduld und Zeit
  • Neues in viele, kleine und kurze Schritte einteilen
  • Vornehmlich positive Bestärkung; Stimmlob, Pause und/oder Leckerli
  • Wingardio zuhören, seine Reaktionen beobachten und selber darauf reagieren
  • Und nochmal viel Zeit

Petra schreibt in ihrem Artikel, dass es Botschaften gibt, die es zu verinnerlichen gilt. Auf die erste möchte ich gerne eingehen:

Dein Pferd spiegelt Dich

Vor zwei Wochen hatte ich ein Erlebnis, das mir ganz gezeigt hat, wie sehr mich Wingardio spiegelt. Und dabei meine ich nicht, dass er auf meine Stimmung reagiert, sondern tatsächlich meine Art mit Dingen umzugehen, widerspiegelt:

Wingardio und ich waren zusammen mit meinem Trainer und seinem Pferd ausreiten. Pfützentraining stand auf dem Plan. Eine hochgradig gefährliche Angelegenheit für ein bodenscheues Pferd wie Wingardio. Manchmal glaube ich, dass er wirklich annimmt, Gullydeckel, Plastikplane, Teppich und co. beherbergen Monster. Wir kamen also bei einer Riesenpfütze an, und mein Trainer schlug vor, dass er zuerst durchreiten würde und ich mit Wingardio einfach ganz dicht dran bleiben solle, in der Hoffnung, dass er dem ranghöheren Pferd folgen würde. Ungefähr 10 Mal versuchten wir es von beiden Seiten ziemlich erfolglos. Wingardio sprang sogar zwei Mal in das andere Pferd hinein, wohlgemerkt ein Hengst.
Gut, dachte ich mir, das artet langsam in Stress aus. Machen wir es doch mal auf unsere Art: mit viel Ruhe, in kleinen Schritten und vor allem darf Wingardio das Tempo mitentscheiden. Ich ritt also bis kurz vor die Pfütze und ließ die Zügel lang. Er schaute sich das Ungeheuer ganz genau an und planschte, schneller als gedacht hätte, mit seinen Hufen in der Pfütze. Ich ließ ihn etwas mit dem Wasser spielen und konnte ihn danach fast durchreiten. Er machte zwar einen großen Satz, setze seine Hufe aber ins Wasser. Von der anderen Seite stapfte er einfach durch. Währenddessen lobte ich ihn immer wieder.

Ich weiß, dass es auch Situationen geben wird, in denen wir keine Zeit haben werden, so an die Sache heran zu gehen. Aber wieder einmal zeigte Wingardio mir, dass es nichts bringt, ihn zu drängen und wenn er die Zeit bekommt, selber entscheiden kann. Ich bin mir sogar sicher, dass er in diesen Momenten genau weiß, was ich von ihm möchte.

Wingardio-schaut-in-die-Ferne

Foto: Severin Klisch / Klisch Klick

Zu Hause erzählte ich stolz von meinem Erlebnis. So ein bisschen nach dem Motto: Die Methode meines Trainers hat nicht geklappt, aber meine. Und was sagte mein Freund schmunzelnd? „Ja ja, Du und Wingardio ihr passt schon seeehr gut zusammen.“ Ein bisschen mehr Enthusiasmus hätte er ja schon zeigen können, dachte ich bei mir. Schließlich hatte Wingardio heute einen großen Schritt getan. Bis mir klar wurde, was mein Freund mir damit eigentlich sagen wollte:

Wingardio hat in der Situation genauso gehandelt, wie mein Freund es von mir kennt.

Dazu muss ich vielleicht etwas weiter ausholen. Ein Beispiel: Mein Freund ist ambitionierter Kletterer und Trainer. Wenn wir zusammen klettern und er mir sagt: „Komm‘, setz Deinen Fuß einfach dort auf die Kante und steh dann auf.“ Dann folge ich meist nicht unmittelbar seinem Rat. Auch wenn ich natürlich weiß, dass er mehr Ahnung und Erfahrung hat als ich, vertraue ich ihm nicht gleich, sondern probiere selber erst mal rum. Meistens ist die Lösung dann dieselbe, die mein Freund ursprünglich vorgeschlagen hat. Und genauso meistert auch Wingardio Situationen, in denen er erst einmal nicht weiter weiß. Anstatt dem ranghöherem Hengst durch das gruselige Wassermonster zu folgen, bleibt er lieber stehen und guckt es sich selber an und entscheidet selber wie weit er gehen möchte. Er hätte ja auch einfach dem Hengst (oder mir) vertrauen und folgen können.

Natürlich hat Wingardio sich das nicht von mir abgeschaut und ich nicht von ihm, aber an diesem Nachmittag war ich doch sehr erstaunt darüber, wie sehr wir uns ähneln. Seitdem betrachte ich den Satz „Dein Pferd spiegelt Dich“ nochmal aus einer anderen Perspektive.


Inzwischen haben auch schon einige andere Blogger zu diesem Thema geschrieben. Hier gibt es die Geschichten von:

Ich persönlich wüsste ja gerne noch mehr über den Weg von Sophie mit Soudi von Chevalie. 🙂

Titelfoto: A. Blank (privat)


Wie denkst Du darüber? Hast Du ähnliche Erfahrungen gemacht? Dann schreibe mir einen Kommentar. Gerne kannst Du meine Erfahrung auch teilen.

.

5 Kommentare

  1. Pingback: Zauberhaft: Wie du mit deiner Einstellung auch dein Pferde bewegst. — Lenina01.at

  2. Pingback: Mehr Selbstvertrauen für mein Pferd! #Pfeihnachten - PferdeSpiegel

  3. Pingback: Bist du ein sicherer Ort... - Clickerpony

  4. Liebe Saskia, vielen Dank, dass Du mitgemacht hast – ich freue mich über Deinen Artikel und habe ihn gerne gelesen. Ich finde wirklich toll, wie Du mit Deinem Pferd Schritt für Schritt vorgehst und ihm sein Timing lässt, zumal er Dich ja spiegelt 😉 Das ist wirklich witzig, dass Du Dir ein Pferd herausgesucht hast, dass Deinem Charakter ähnelt. Ich kenne das übrigens auch von Alfonso Aguilar, er lässt den Pferde auch die Zeit das Problem selbst zu lösen. Umso stolzer sind sie auf sich selbst, wenn sie die Lösung erdacht haben. Das ist so schön zu sehen. Alles Liebe und bis bald, Petra

    • Hallo Petra, vielen Dank für Deine Rückmeldung. Ich frage mich immer mehr, wie Du das alles auch noch aus der Ferne managen kannst 🙂
      Ja, das mit dem Zeit lassen, habe ich zwar schon immer so verfolgt, aber dann war es das Buch von Mark Rashid „Ein gutes Pferd hat niemals die falsche Farbe“ das mich darin noch mehr bestärkt hat. Alfonso Aguilars Bücher stehen auch ganz oben auf meiner Leseliste 🙂
      Meinem Pferd Wingardio kann man förmlich ansehen, wie er selber von sich überrascht ist, wenn er sich einen Schritt weiter gewagt hat. Manchmal schaut er dann auch einfach zurück zu mir (wenn ich ihn z.B. in der Halle alleine frei laufen lasse), als würde er auf eine Bestätigung warten. Neben Pützen traut er sich nämlich auch nicht über Plastikplanen. Auch hier haben wir mit viel Zeit, kleinen Schritten und selber entscheiden, schon kleine Fortschritte gemacht.
      Viele Grüße, Saskia