Chemie & Pferdefutter: Von organischen und anorganischen Verbindungen

Wenn man sich so wie ich in Facebookgruppen bewegt, stolpert man immer wieder darüber, dass „Mineralfutter auf jeden Fall organisch sein müsse“ oder „Vitamine besser natürlich im Futter vorkommen sollten“. Aber was soll das eigentlich heißen? Ich gebe zu, auch ich finde, dass organisch irgendwie gesünder klingt. Es heißt ja auch überall „Organic Food“, das als besonders gesundes Essen vermarktet wird. Dagegen klingt anorganisch irgendwie so nach Chemielabor, genauso wie synthetisch. Aber ganz so einfach ist es dann halt doch nicht.

 

Organisch vs. anorganisch

Von organisch und anorganisch wird im Pferdebereich meistens dann gesprochen, wenn es um Mineralfutter oder mineralische Zusätze in Müsli, Mash und Co. geht. Die Mineralstoffe, die für Pferde überlebenswichtig sind, werden in Mengenelemente (Calcium, Phosphor, Magnesium, Kalium, Natrium, Chlor, Schwefel) und Spurenelemente (Eisen, Kupfer, Zink, Selen, Jod, Mangan) unterteilt. Die meisten dieser Stoffe sind Metalle und gehören in ihrer reinen Form (man spricht dann von gediegen) zu den anorganischen Stoffen. In der Natur liegen sie jedoch fast immer in (chemischen) Verbindungen mit einem anderen Stoff vor. Je nach Bindungspartner spricht man dann von einer anorganischen oder organischen Verbindung. In der Natur gibt es beides!

 

Anorganische Verbindungen

Zu den anorganischen Stoffen werden traditionell die Elemente und alle Verbindungen gezählt, die keinen Kohlenstoff enthalten. Zinkoxid beispielsweise besteht aus Zinkkation und Oxidanion, also einer Verbindung ohne Kohlenstoff und ist damit eine anorganische Verbindung. Viele Salze sind anorganisch, wie etwa die meisten Salze, die mit –sulfat (wobei es auch organische Sulfate gibt) enden. Aber auch Calciumjodat oder Natriumselenit sind anorganische Verbindungen, die als Zusatz im Pferdefutter verwendet werden.

Anorganisch hat zunächst nichts mit künstlich hergestellt zu tun!

 

Organische Verbindungen

Im Gegensatz dazu enthalten organische Verbindungen Kohlenstoff. Oft ist in Futtermitteln von Zink-Aminosäuren-Chelathydrat die Rede. Das ist eine organische Verbindung, weil Aminosäuren Kohlenstoffe enthalten und somit zu den organischen Stoffen zählen. (Linktipp: Mehr zum Thema Chelate in der Tierfütterung gibt es hier https://www.homoeopathie-tierpraxis.de/chelate/, wobei die Aussage, dass es auch anorganische Chelatkomplexe gäbe, meiner Meinung nach nicht stimmt. Normalerweise sind alle Chelatliganden organische Stoffe. Ich lasse mich da aber gerne eines Besseren belehren). Im Pferdefutter sind häufig organische Verbindungen in Form von Gluconat, Acetat, Laktat, Carbonat oder Citrat zu finden.

Organisch ist nicht mit natürlich gleichzusetzen!

 

Und was ist nun besser? Auf die Bioverfügbarkeit kommt es an

Ob Du nun einen Mineralstoff besser als organische oder anorganische Verbindungen verfüttern solltest, hat etwas mit der Bioverfügbarkeit dieser Verbindungen bzw. des Element in dieser Verbindung zu tun. Dieser Begriff stammt aus der Pharmakologie und beschreibt vereinfacht gesagt (über eine genaue Definition lässt sich streiten), wie schnell und in welchem Umfang ein Stoff (ursprünglich auf Arzneimittel bezogen) aufgenommen wird und an seinem Wirkort (beispielsweise Organe und Gewebe) zur Verfügung steht.

Dafür muss vorausgesetzt sein, dass die Mineralstoffe aus dem Gastrointestinaltrakt (in den Blutkreislauf) aufgenommen werden. Viele verschiedene Faktoren können diese Aufnahme im Darm jedoch beeinflussen. So spielen unter anderem das Alter, die Rasse und die Gesundheit des Pferdes eine Rolle, aber auch die gleichzeitige Aufnahme anderer Mineralstoffe oder Medikamente können die Aufnahme und damit die Bioverfügbarkeit beeinflussen. Oft wird davon gesprochen, dass die Bioverfügbarkeit von organischen Verbindungen besser sei. Hier gibt es aber in Hinblick auf die Forschung mit Pferden noch sehr viel zu tun. Nur weil in einem anderen Tier eine organische Verbindung eine gute Bioverfügbarkeitkeit zeigt, heißt das noch lange nicht, dass das beim Pferd, das ein völlig anderes Verdauungssystem hat, genauso ist.

Von 2006 gibt es einen sehr guten Übersichtsartikel zu dem Thema Bioverfügbarkeit bei Pferden.1 Die wichtigsten Punkte bezüglich der Thematik, ob organische oder anorganische Mineralstoffverbindungen eine besser Bioverfügbarkeit zeigen, habe ich für Dich zusammengefasst:

 

Calcium

Sowohl Calciumcarbont (organisch) als auch Calciumchlorid (anorganisch) werden leicht vom Verdauungsapparat in den Blutkreislauf aufgenommen.2, 3 Die Verdaulichkeit und Aufnahme ist nicht von der gefütterten Calcium-Menge abhängig. Um eine gute Bioverfügbarkeit zu gewährleisten sollte jedoch viel Rauhfutter und wenig Futter mit einem hohen Phytatanteil (etwa Weizenkleie) gefüttert werden und das Calcium:Phosphor Verhältnis (zwischen 1:1 bis 3:1) muss stimmen. 4

Magnesium

Magnesium scheint als Magnesiumsulfat (anorganisch) besonders gut verfügbar.5 Die Bioverfügbarkeit von Magensiumoxid (anorganisch) ist jedoch fraglich.6

Selen

Selen als Natriumselenat (anorganisch) und Natriumselenit (anorganisch), die beide eine ähnliche chemische Struktur haben, werden von Pferden sehr gut aufgenommen.8 Dagegen weisen organische Selenverbindungen wie etwa aus Hefe vor allem in anderen Arten eine hohe Bioverfügbarkeit auf.(Was nicht bedeutet, dass das von Hefen synthetisierte organische Selenomethionin „schlecht“ sein muss. Es gibt nur noch keine Studien dazu.)

Phosphor

Auch wenn Phosphormangel bei Pferden kaum vorkommt, gibt es Studien zur Bioverfügbarkeit unterschiedlicher Verbindungen: Calciumhydrogenphosphat (anorganisch) und Natriumphosphat (anorganisch) zeigen eine gute Bioverfügbarkeit.7

Zink

Stark im Internet vertreten ist die Meinung, dass Zink nur als organische Verbindung gefüttert werden sollte. Ich glaube, diese Annahme beruht auf einer Studie, zu der es eine deutschsprachige Doktorarbeit gibt. Hierbei wurden unter anderem vier Ponys unterschiedliche Zinkverbindungen gefüttert. Nach der Fütterung von Zinksulfat (anorganisch) und Zinksulfatchelat (organisch) konnten die Wissenschaftler dann Zink im Blutserum nachweisen. Zinkoxid (anorganisch) und Zinklaktat (organisch) lösten jedoch keine Reaktion aus.10

 

Persönliches Fazit

Ich war bei meinen Recherchen doch sehr erstaunt, wie wenig wissenschaftliche Ergebnisse es zur Bioverfügbarkeit von Mineralstoffen bei Pferden gibt. Dabei ist die von mir zusammengefasste Auflistung vermutlich nicht vollständig. Gerne nehme ich weitere Studien mit auf. Und bitte bedenke, dass die chemische Art der Verbindung der Mineralstoffe nur ein (!) Faktor ist, der die Bioverfügbarkeit beeinflussen. Füttere ich beispielsweise Calcium in hohen Mengen (auch organisch), kann dieses Element die Aufnahme von Zink verschlechtern. Das Ganze ist – wie so oft  – ein sehr komplexes Gefüge.

 

Synthetisch vs. natürlich

Zu guter Letzt möchte ich ergänzend noch erwähnen, dass alle dem Pferdefutter zugefügten Mengen- und Spurenelemente synthetisch hergestellt werden. Das hat nichts damit zu tun, ob sie anorganisch oder organisch sind. Chelatverbindungen und andere organischen Verbindungen sind meistens recht teuer in der Herstellung und vermutlich deswegen nicht so oft im Pferdefutter zu finden. Als natürliche Mineralstoffe könnte man solche bezeichnen, die in der Natur beispielsweise in Pflanzen oder im Erdboden vorkommen, aber auch hier spielen die oben genannten Faktoren bei der Bioverfügbarkeit eine Rolle.


Quellen:
1 Kienzle, E., Zorn, N. (2006). Bioavailability of Minerals in the Horse. Proceedings of the 3rd European Equine Nutrition & Health Congress, Mar 17-18, 2006 – Ghent University, Merelbeke, Belgium.
2 Schryver, H.F., Craig, H., Hintz, H.F (1970): Calcium metabolism in ponies fed varying levels of calcium, J. Nutr. 100: 955-964
3 Stürmer, K.(2005) Untersuchungen zum Einfluss der Fütterung auf den Säure-Basen-Haushalt bei Ponys. München, Ludwig-Maximilians-Universität, vet. Diss.
4 Coenen, Manfred, Meyer, Helmut: Pferdefütterung, 5. Auflage, Enke, 2014
5 Henninger R.W., Horst, J. (1997): Magnesium toxicosis in two horses J. AM. Vet. Med. Assoc. 211(1):82-85
6 Harrington D.D. (1975): Influence of magnesium deficiency on horse foal tissue concentration of Mg, calcium and phosphorus, Br. J. Nutr. 34 (1) 45-57
7 Hintz H.F., Schryver, H.F, Lowe, J.E., King, J., Krook, L. (1973): Effect of vitamin D on calcium and phosphorus metabolism in ponies. J. Anim. Sci 37: 282
8 Podoll K.L., Bernard J.B., Ullrey D.E., DeBar S.R., Ku P.K., Magee W.T.(1992): Dietary selenate versus selenite for cattle, sheep, and horses, J. Anim. Sci. 70(6):1965-70
9 Payne R.L.., Lavergne T.K., Southern L.L.(2005): Effect of inorganic versus organic selenium on hen production and egg selenium concentration, Poultry Science 84(2): 232-237
10 Wichert, B., Kreyenberg, K., Kienzle, E. (2002): Serum response after oral Supplementation of different zinc compounds in horses, J.Nutr. 132(6), 1769-70
Neustädter, Lisa-Theresa: Untersuchung zu möglichen Auswirkungen eine runterschiedlichen Mengenlementversorgung auf den Mineralstoffhaushalt von Pferden, Diss., Tierärtzliche Hochschule Hannover, 2015
Kreyenberg, Kathrin: Zinkserumresponse beim Pferd nach oraler Verabreichung von unterschiedlichen Zinkverbindungen, Diss., Ludwig-Maximilians-Universität München, 2003

Wie sind Deine Erfahrungen mit Mineralfutter? Achtest Du darauf, ob es sich um organische oder anorganische Verbindungen handelt?

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2 Kommentare

  1. Ein toller, ausführlicher und vor allem aufschlussreicher Artikel! Die Fütterung ist eben doch komplexer, als uns die Futtermittelindustrie mit blumigen Versprechungen und Schlagworten gerne glauben lassen möchte. Danke für diesen fundierten Beitrag!

    • Hi! Vielen Dank fürs Lob! 🙂 Ja irgendwie ist das nicht immer so einfach…
      Viele Grüße, Saskia